Tag 250: Donnerstag, 19. November 2020

Rückblick

Ich liebe Bücher, doch seit einigen Jahren tendiere ich eher zum Hören, also zu Hörbüchern. Ob beim Kochen, Autofahren oder zum Einschlafen, unzählig sind die Gelegenheiten sich in Geschichten oder auch Diskussionen (bei Podcasts) zu stürzen. Auf der Fahrt zur Geierlay Hängeseilbrücke lief das neue Buch eines Kleinkünstlers (der mit dem Kängurumitbewohner), über die Zukunft der Gesellschaft in einem völlig digital vernetzten und überwachtem Land. Eine Passage geht mir dabei nicht mehr aus dem Kopf. Es geht um ein automatisiertes Tagebuch. Für die Protagonistin wird der Tag folgendermaßen zusammengefasst: „Heute war ein ganz O.K.er Tag.“ Als Sonderfunktion kann dieses Tagebuch sogar das gesamte Leben in einem Satz darstellen: „XYZ hat ein ganz normales, durchschnittliches Leben geführt.“ In der Geschichte wird davon berichtet, dass dieser Satz zu einer Fülle von Selbsttötungen geführt habe und daraufhin entfernt worden sei.

Wenn ich an die vielen Traugespräche denke, dann sehe ich die Tendenz etwas ganz besonders für  den Tag der Trauung zu veranstalten. Wenn ich an Trauergespräche denke, dann höre ich den Wunsch etwas ganz besonderes für den Tag des Abschiedes zu veranstalten. Vermutlich wird es bei vielen von uns darauf hinauslaufen, dass wir ein „ganz O.K.es Leben“ geführt haben werden. Viele Tage werden nur „ganz O.K.“ sein. Aber es sind unsere eigenen Tage, es sind unsere eigenen Erlebnisse und Gedanken, die unsere Tage für uns dann doch besonders machen können.

Befiehl dem Herrn deine Werke, so wird dein Vorhaben gelingen. (Sprüche 16,3)

Pfarrer Thomas Himjak-Lang, Böchingen