Tag 253: Sonntag, 22. November 2020

Tod und Ewigkeit

Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang, nur vor dem Tod derer, die mir nah sind. Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?
Allein im Nebel tast ich todentlang und lass mich willig in das Dunkel treiben. Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.
Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr; und, die es trugen, mögen mir vergeben. Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der andern muss man leben.
(Mascha Kaléko, Memento)

Heute, am Totensonntag, trauern viele Menschen. Sie denken in den Gottesdiensten an die Verstorbenen des zu Ende gehenden Kirchenjahres. Sie denken an jene, mit denen sie ihr Leben teilten. Die sie nun schmerzlich vermissen. Man muss, aber wie kann man leben mit dem Tod der anderen?
Trauer ist der Anfang einer Antwort. Trauer ist Ausdruck der Liebe. Liebe, die da war und die da ist. Die Liebe bleibt. Was bleibt noch?
Erinnerung? Mir wäre die zu wenig.
In den heutigen Gottesdiensten steht eine großartige Vision im Mittelpunkt: Ein neuer Himmel und eine neue Erde. Das Zelt Gottes bei den Menschen. Gott wird bei den Menschen wohnen und er wird abwischen alle Tränen und der Tod wird nicht mehr sein. Alles wird neu.
Wenn da ein Gott ist, gibt es eine Hoffnung über den Tod hinaus.
Eine Vision am Ende der Bibel. Utopie, sagen die einen. Wir brauchen diese Perspektive, die weiterreicht, glauben die anderen. Sie glauben nicht an den Tod. Ich möchte ihre Lebenseinstellung, die kein Ende kennt, teilen.
Für mich ist der Totensonntag auch Ewigkeitssonntag.

Pfarrer Lothar Schwarz, Rhodt